Die einstmals renommierte Tabakfabrik


JOH. PET. RAULINO & COMP.

(ab 1949: Raulino GmbH)

 

bestand von 1820 bis 1957 in Bamberg

 


Werbetafel aus Blech, 30cm x 40cm - um 1932

 

Winziger Ausschnitt aus dem Raulino-Warensortiment ca.1920 bis 1950

 


Die Geschichte der Firma
Joh. Pet. Raulino & Comp.


 

Schluss-Stein am ehemaligen Fabriktor in der Keßlerstraße in Bamberg.

*  *  *

Einer älteren Überlieferung nach soll sich im Jahr 1740 der Belgier Livinus van Wynendael in Bamberg niedergelassen haben
und hier mit der Fabrikation von Rauch- und Schnupftabaken begonnen haben.
Neuere Recherchen haben jedoch ergeben, dass van Wynendael zwar Tabakfabrikant in Erfurt war, im Bamberger Raulinohaus ab ca. 1767 jedoch nur eine Gemischtwarenhandlung betrieben hat. Vielleicht trug er sich mit dem Gedanken, auch in Bamberg Tabak zu produzieren, eine solche Produktion ist aber nicht nachweisbar.

 

Das überall erwähnte Gründungsjahr 1740 soll nach den Worten eines leitenden Raulino-Mitarbeiters erst um 1920 nachträglich festgelegt worden sein. Man orentierte sich dabei an einem Ziergitter des Bamberger Geschäftshauses, auf dem sich einst einst die Jahreszahl 1740 befunden haben soll.

Tatsache ist, dass erst im Jahr 1820 Johann Peter Raulino, ein Enkel von Livinus van Wynendael, in Bamberg eine Tabakfabrik gründete, der er seinen Namen gab.


Firmenzeichen der Firma Raulino
mit dem Wappen des Königreichs Bayern - um 1825

 

Schnell stieg Joh. Pet. Raulino zu einer bedeutenden Tabakfabrik auf. Zu seiner endgültigen Größe kam die Firma dann schließlich nach dem Freitod Johann Peter Raulinos im Jahre 1841, und zwar unter dem Einfluss von dessen Witwe Therese und dessen Enkel Carl Michel. Damals florierte das Tabakgeschäft allgemein sehr stark, so daß auch die Firma Raulino expandierte und zu einem Betrieb von großer Bedeutung und großem Vermögen anwuchs, was sich auch in Firmenerweiterungsbauten niederschlug.

 

Kopf einer Rechnung aus dem Jahr 1862

 

Unter Carl Michel trat mein Urgroßvater Jacob Zimmermann im Jahr 1893 als einfacher Buchhalter in die Firma ein.

Kommerzienrat Carl Michel widmete sich mit Tatkraft, Energie und Sparsamkeit seinen Geschäften. Der fleissige und weitsichtige Unternehmer war aber auch ein gestrenger Chef, und oft genug trat er auch seinen Kunden gegenüber so auf. Einmal hatte er sich über einen Kunden geärgert, der eine Rechnung erst nach Lieferung der Ware begleichen wollte, und so diktierte er meinem Urgroßvater einen geharnischten Brief in die Feder:
"Der alleinige Inhaber unserer seit 1740 bestehenden Rauch- und Schnupftabakfabrik, der Königliche Kommerzienrat Carl Michel ist nicht auf die Renten seines Geschäftes angewiesen. Der Mann hat zu leben. Er ist in Ehren grau geworden. Wer sich seinen Geschäftsbedingungen nicht unterwirft, kann nicht auf Belieferung mit Rauch- und Schnupftabal rechnen!"

Als Carl Michel im Jahr 1902 starb, hinterliess er seinen vier Kindern ein Vermögen von 28 Millionen Mark.

 


Zwei Unternehmerpersönlichkeiten,
die die Firma Raulino maßgeblich prägten:
links: Carl Michel (1829-1902)
rechts: Dr. Richard von Michel-Raulino (1864-1926)


 

Nach dem Tod von Carl Michel übernahm dessen Sohn Dr. Richard Freiherr von Michel-Raulino (der 1913 in den erblichen Adelsstand erhoben wurde) die Firma, zunächst zusammen mit seinem Bruder Karl. Dieser schied aber schon bald aus der Firma aus. Richard trat als großer Förderer von Kunst und Kultur hervor, verstand es aber trotzdem, sparsam zu wirtschaften.

Mein Urgroßvater stieg in dieser Zeit bis zum Einzelprokuristen der Firma auf.

Während des I.Weltkrieges wurde bei Raulino zeitweise 24 Stunden in Tag- und Nachtschichten gearbeitet, um die Belieferung der Soldaten an der Front mit Tabak zu gewährleisten, was wiederum Erweiterungsbauten notwendig machte. In dieser Zeit stieg die Firma Joh. Pet. Raulino & Comp. in die erste Reihe der deutschen Rauchtabakfabriken auf und erreichte damit den Zenit ihrer langen Geschichte.

 

 

Heimgekehrte deutsche Soldaten 1918 vor dem Raulino-Haus

 

Zum 30.Firmenjubiläum meines Urgroßvaters im Jahr 1923
sagte Dr. Richard Freiherr von Michel-Raulino im Rahmen
seiner Dankesansprache vor der ganzen Belegschaft:
"Den besten Griff meines Lebens habe ich gemacht, dass ich unseren heutigen Jubilar
vor 30 Jahren unserer Firma zuführte!"

Zu dieser Zeit war Raulino eine der führenden Tabakmarken in Deutschland.


Die Raulino-Belegschaft
beim Betriebsjubiläum meines Urgroßvaters 1923

Aufgrund des verlorenen Weltkrieges kam es im selben Jahr im Deutschen Reich infolge immenser Reparationszahlungen an die Siegermächte zu einer Hyperinflation. Im Dezember 1923 kostete 1 US Dollar die irrsinnige Summe von 4.200.000.000.000,00 Mark (in Worten: 4,2 Billionen Mark!). Um den Bedarf an benötigten Geldscheinen zu decken, wurden auch private Firmen wie Joh. Pet. Raulino & Comp. zur Ausgabe eigener Banknoten ermächtigt.

Von Raulino ausgegebene Banknote über 5 Millionen Mark.

 

Nach dem Tod des Freiherrn im Jahr 1926 wurde mein Urgroßvater testamentarisch zum Direktor der Firma bestimmt. Damals verfügte die Tabakfabrik über ca. 400 bis 500 Angestellte.

 

Raulino Askari um 1932

 

Raulino Klar Schiff um 1932

 

Raulino Große Sorte um 1934

 

Schnupfdose aus Bakelit um 1934

 

Mein Urgroßvater führte den Betrieb bis 1934 und wurde dann durch politische Intrigen und Querelen dazu gezwungen, die Firma zu verlassen. Sehr verbittert ging er in den Ruhestand. In dieser Situation mag ihm sein Wahlspruch geholfen haben, den er bei aller Streitbarkeit stets beherzigt hat:
"Vergeben und vergessen ist die Rache des kleinen Mannes!"
Mein Urgroßvater starb im August 1946.

 

 

Nach dem Ausscheiden meines Urgroßvaters (es war die Zeit des Hitlerregimes)
scheint die Firma Joh. Pet. Raulino dann parteinah weitergeführt worden zu sein.

Im Jahr 1939 begann schließlich der Zweite Weltkrieg, und Raulino belieferte wiederum
die Deutschen Soldaten im Feld mit Tabak.
Im Verlauf des sog. Rußlandfeldzuges erwarb Joh. Pet. Raulino & Comp. Zweigniederlassungen
in den neu annektierten Deutschen Ostgebieten.

 

Raulino-Tabak aus St. Joachimsthal um 1940

 

Top-Rarität aus dem Raulino-Werk in Lodz
(Original-Requisit aus dem Steven-Spielberg-Film "Schindlers Liste")

 


 

Die Raulino-Niederlassungen in Osteuropa:

 

SUDETENLÄNDISCHE RAUCHTABAKFABRIK RAULINO & COMP.

in St. Joachimsthal (heute: Jachymov / Tschechien)
1939 - 1945

* * *

RUHTENBERG-RAULINO & CO.
in Litzmannstadt (heute: Lodz / Polen)
1940 - 1945

* * *

RAULINO & CO.
in Minsk / Weißrussland
1942 - 1944

* * *

AUSTRIA-RAULINO-TABAKGESELLSCHAFT mbH
in Kiew / Ukraine
1943

* * *

Die vier Niederlassungen wurden schließlich von der Roten Armee beschlagnahmt.

 


 

Von 1941 bis 1943 gab es außerdem eine Raulino-Niederlage in Köln-Ehrenfeld:
TABAKFABRIK BRAUN-RAULINO & CO.

 


Raulino-Tabak aus dem Werk in Köln

 

Im Jahr 1943 bildeten die Bamberger und die Kölner Raulino-Firma eine Kriegsbetriebsgemeinschaft, nämlich die


ARBEITSGEMEINSCHAFT
JOH. PET. RAULINO & COMP.
BRAUN-RAULINO & CO.

mit Sitz in Bamberg.

 

Bis 1949 wurde Raulino-Tabak ausschließlich unter diesem Label vertrieben.

 

Kuriosität:
"Ultra Auslese"
von der Bamberger Arbeitsgemeinschaft, aber mit Logo der Firma in Lodz (!)

 

Anfang 1944 schloss der traditionelle, zur Firma gehörende Raulino-Laden am Grünen Markt in Bamberg, der sich in jenen Räumen befand,in denen vor fast 200 Jahren der Raulino-Großvater Livinus van Wynendael seinen Gemischtwarenhandlung eröffnet hatte, wegen kriegsbedingter Lieferprobleme für immer seine Pforten.

 

Gegen Ende des 2.Weltkriegs wurden Teile der Raulino-Produktionsgebäude in der ansonsten weitgehend von Verwüstungen verschont gebliebenen Bamberger Innenstadt zerstört, jedoch bis 1949 wieder aufgebaut.

 

Vor den Toren Bambergs, im Fränkischen existierte ab ca. 1946 als Zweigniederlassung die

ZIGARRENFABRIK RAULINO KG

mit Sitz in Ruppertshütten bei Gemünden am Main und in Muggendorf in der Fränkischen Schweiz. Diese Betriebe wurden jedoch bereits 1949 wieder geschlossen.

 

Im Oktober 1949 änderte die Firma Raulino ihre Gesellschaftsform. Ab diesem Zeitpunkt wurde unter dem Namen

RAULINO GMBH

produziert

 

 

Rio Bamba, Krüllschnitt, 1950er Jahre

 

Werbefiguren aus den Raulino-Tabakpäckchen - um 1954

 

Im Jahr 1954 waren noch 80 Personen auf einem rund 5000m² großen Areal beschäftigt.
Zu diesem Zeitpunkt geriet Raulino dann wohl in eine schwere Krise. Man hatte offenbar nicht rechtzeitig den völlig veränderten Kundengeschmack der Nachkriegszeit berücksichtigt.
Bruno, das HB-Männchen hatte Raulino den Kampf angesagt.

 

Raulino-Zigarettenwunder - Drehmaschine für den passionierten Raucher - um 1956

 

 Im Sommer 1956 wurde die Raulino-GmbH in die Firma Raulino Tabakfabriken umgewandelt.

Mit dem Erlöschen dieser Firma ging eine über 135 Jahre lange Firmentradition sowie die fast 200-jährige Tradition der Bamberger Tabakindustrie zu Ende.

Der Tabakfabrikant Hugo Müller ("Reiners Tabak & Co") in Langwedel bei Bremen übernahm das Label Raulino und einen Teil des Produktsortiments. Die Firma "Raulino" Tabakvertrieb Hugo Müller mit Sitz in Langwedel war bis 1984 im Handelsregister Achim registriert.

 

Das mutmaßliche Ende einer langen Tradition:
Raulino-Tabak aus Langwedel bei Bremen - um 1958

 

Im Bamberger Handelsregister ist die Firma Joh. Pet. Raulino & Comp. noch bis Ende 1967 eingetragen, hat aber nach 1957 keinen Tabak mehr produziert.

Heute kündet in Bamberg nur noch das Raulino-Haus am Grünen Markt
von den längst vergangenen Zeiten der traditionsreichen Tabakfirma.

 

* * * * * * * *

Raulino-Jubiläumsdose aus dem Werk von
"Reiners Tabak & Co." in Langwedel
(Unterseite verwendbar als Aschenbecher)
um 1960


 


Suche alles von und über die Firma
JOH. PET. RAULINO & COMP.

(z.B. Blechschilder, Blechdosen, Tabakpäckchen, Rechnungen, Fotos etc.)
Jede Info kann hilfreich sein!
Vielen Dank!



Kontakt zu raulino2000

 

Bitte scheuen Sie sich auch nicht,
mir bei Interesse Fragen zu stellen,
denn diese Seite enthält nur einen Bruchteil der Infos,
die mir über Joh. Pet Raulino & Comp. vorliegen!

 


 

Ich sage danke... ;o))

 

... meinem Urgroßvater Jacob Zimmermann (1872-1946)
ohne den es weder mich noch diese Homepage gäbe,
wäre er -wie elterlicherseits vorgesehen- katholischer Pfarrer geworden! *g*
... FOLGENDEN INSTITUTIONEN FÜR INFOS:
Heimatverein für Scheßlitz und Umgebung e.V. //
LfA - Bayerische Landesanstalt für Aufbaufinanzierung, München //
Registergerichte Bamberg und Achim // Stadtarchiv Bamberg
...FOLGENDEN PERSONEN FÜR INFOS:
Manfred Bauer, Ludwigshafen // Hermann Deuter, Verden //
Dr. Karl Heinz Mayer, Bamberg // Dr. Stephan von Minden, München
...FÜR SPEZIELLE RECHERCHEN:
Evelyn Graper, Dollern
...FÜR TROST UND RAT IN SACHEN HTML:
Ruth Rudolph, Schwäbisch Hall
 
Copyright für alle Fotos und Reproduktionen by UM Fotografie Augsburg
 

 

Madonnenbildnis über dem Eingang des Raulino-Hauses in Bamberg


 

Vielen Dank für Ihren Besuch! ;o)

 


Nachempfundenes Firmenlogo, Copyright by bonny
 

 



Datenschutzerklärung
Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!