Liesl Karlstadt 

mehr als die Partnerin Karl Valentins


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Meinem komischen Partner, Patienten, Karl Valentin

in nie versagender Geduld gewidmet

von Liesl Karlstadt

Beruf: Nervenärztin

Nebenbeschäftigung: Komikerin

 

...mit diesen Worten widmete Liesl Karlstadt ihrem langjährigem Partner Karl Valentin

einmal ein großformatiges Porträtfoto, und in diesen seltsam klingenden Worten steckte leider sehr viel Wahres.

 

Geboren wurde Liesl Karlstadt unter dem Namen Elisabeth Wellano am 12.12.1892 als Tochter eines Schwabinger Beckermeisters. "Wellano... Italiano...Lebst a no!", hatten ihr deshalb einst ihre Schulkameraden neckisch hinterhergerufen.

 

Liesl Karlstadt erlernte zunächst den Beruf der Verkäuferin in einem Laden am Münchner Viktualienmarkt, quasi in Sichtweite des Platzes, auf dem heute zwischen den Marktständen der ihr gewidmete Volkssängerbrunnen steht.

 

Nach einem kurzen Zwischenspiel als Kurzwarenverkäuferin im Kaufhaus Tietz am Hauptbahnhof zog es die Liesl unaufhaltsam auf die Bretter einer Volkssängerbühne,

wo sie 1911 von Karl Valentin entdeckt wurde, der ihr auch ihren Künstlernamen Liesl Karlstadt gab.

Es begann eine schier beispiellose jahrzehntelange gemeinsame Karriere,

die das ungleiche Gespann auf die Bühnen von Berlin, Wien und Zürich führte,

sowie vor zahlreiche Rundfunkmikrophone und Filmkameras.

 

Liesl Karlstadts Glanzrollen unter einer Parade unzählbarer genialer Rollen waren der miesepetrige Kapellmeister Zirngiebel in dem Erfolgs-Stück "Orchesterprobe" und der aufgedrehte Firmling im gleichnamigen Einakter "Der Firmling".

Die Karlstadt fungierte aber nicht nur als Partnerin auf der Bühne,

sondern auch als Co-Autorin, Stichwortgeberin, Managerin, Geliebte und psychologische Betreuerin Valentins.

Sie war ohne Zweifel die große mentale Stütze Karl Valentins. Was aber niemand wusste war,

dass sie selbst dringendst eine solche Stütze benötigt hätte, denn nicht nur der große Valentin, sondern auch seine Partnerin war psychisch labil.

So kam es Mitte der 1930er Jahren zu einem Selbstmordversuch Karlstadts,

der das Ende der erfolgreichen Zusammenarbeit einleitete.

 

Bereits 1930 hatte Liesl Karlstadt begonnen, an einer Solokarriere zu arbeiten.

Damals holte sie Otto Falckenberg als Frau Vogel in Bruno Franks "Sturm im Wasserglas"

an die Münchner Kammerspiele.

Ab 1937 trat sie im Münchner Gärtnerplatztheater sowie im Volkstheater auf,

und nahm regelmäßig Rollen in Film und Rundfunk an.

 

Handschrift von Liesl Karlstadt im Jahr 1938

 

Anfang 1941 trat sie in Adolf Gondrells "Bonbonniere" in der "Münchner Revue" auf.

 

Ebenfalls ab 1941 verbrachte sie sehr viel Zeit bei den Gebirgsjägern auf der Ehrwalder Alm in Tirol, wo sie mit Feuereifer die Mulis betreute. Für ihre Verdienste und ihrer Beliebtheit wegen wurde sie schließlich unter dem Namen Gustav sogar zum Stabsgefreiten ehrenhalber ernannt.

Die Aufenthalte auf der Ehrwalder Alm waren sicher Liesl Karlstadt glücklichste Zeit.

 

In den Jahren 1947/ 48 kam es noch ein letztes Mal zu ein paar gemeinsamen Auftritten mit Karl Valentin, bevor dessen Tod am 9.02.1948 die Zusammenarbeit des großen Komikerduos endgültig beendete.

 

Doch der Tod Valentins konnte Liesl Karlstadts Karriere nicht stoppen.

Sie spielte kleinere Rollen in zahlreichen Spielfilmen und wurde schließlich von Kurt Wilhelm für die legendäre Rundfunkserie "Brumml-Geschichten" als Partnerin von Michl Lang verpflichtet. Auch der Komödienstadel griff immer wieder gerne auf sie zurück. Ihr Partner war dort ebenfalls Michl Lang sowie Ludwig Schmid-Wildy.

Außerdem trat sie u.a. wieder in den Kammerspielen und am Residenztheater auf.

 

Zu ihrem 60.Geburtstag im Jahr 1952 wurde sie in den Kammerspielen mit einem Festakt u.a. durch Axel von Ambesser und Rudolf Bach geehrt. Die zahlreichen Gratulanten beschenkte sie dann durch ihr neuerliches Auftreten in ihren klassischen Valentin-Rollen.

 

Als sie schließlich die Hauptrolle in der Radioserie Familie Brandl übernahm, eine Art früher Rundfunk-Vorläufer der "Lindenstraße", kannte ihre Popularität keine Grenzen mehr.

Waschkörbeweise erhielt sie Briefe mit der Bitte um Haushaltstipps, die sie in ihrer Rolle als Walburga Brandl unentwegt gab - nur Liesl Karlstadt selbst war zeitlebens keine gute Hausfrau gewesen, wie sie selbst immer wieder schmunzelnd feststellte.

 

Liesl Karlstadt, die zeitlebens nie geheiratet hatte, und zusammen mit ihre jüngeren Schwester Amalie in einer Wohnung in der Münchner Maximilianstraße lebte,

starb völlig überraschend am 27.07.1960 während eines Ferienaufenthaltes in Garmisch.

 

 Grabkreuz Liesl Karlstadts auf dem Friedhof in München-Bogenhausen

 

 

Tausende von Münchnern nahmen von ihr Abschied,

als sie auf dem kleinen beschaulichen Friedhof von München-Bogenhausen

zur letzten Ruhe gebettet wurde.

Bei ihren Münchnern ist "die Karlstadt" bis heute unvergessen.

Zu Unrecht stand sie lange Zeit im Schatten ihres Kollegen Karl Valentin.

Denn Liesl Karlstadt war durchaus eine eigenständige künstlerische Persönlichkeit, wie ihre große Popularität auch nach dessen Tod eindrucksvoll beweist.

 

 

 

Quellen:

Münz, Erwin und Elisabeth (Hrsg.): Geschriebenes von und an Karl Valentin, München 1978

Wendt, Gunna: Liesl Karlstadt - Ein Leben, München 1998

Süddeutsche Zeitung (?) vom 28.07.1960: München trauert um Liesl Karlstadt

Artikel aus einer unbekannten Zeitschrift von 1952: Liesl Karlstadt

 

 

           Sämtliche Fotos und Dokumente stammen aus meinem Privat-Archiv.

 

 

 

 


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