Erinnerungen an Karl Valentin


 

Dieser Text entstand zum größten Teil 40 Jahre nach Karl Valentins Tod, also im Jahr 1988

Ein ereignisreicher Samstag Vormittag in München liegt hinter mir, vor mir noch viel Zeit. Was tun? Ich beschließe, nach Planegg zu fahren, wo Münchens großer Komiker und Kabarettist Karl Valentin vom September 1943 bis zu seinem Tod am Rosenmontag 1948 mit seiner Familie gelebt hat.

Mit der S-Bahn sind es vom Münchner Hauptbahnhof bis zum westlich von München gelegenen Planegg genau 20 Minuten - Valentin hat früher wahrscheinlich länger gebraucht, wenn er mit dem Vorort-Zug nach einer der wenigen Vorstellungen zurückgefahren ist, die es in seiner Planegger Zeit noch gab.

Wenn man sich vor dem Planegger Bahnhof umsieht, ist man zunächst enttäuscht. Vieles scheint sich aus Valentins Zeit nicht ehalten zu haben. Man sieht nur Gebäude, die alle sichtlich erst nach dem letzten Krieg entstanden sind. Hier hätte sich Karl Valentin kaum wohlgefühlt.

Ich schlendere in Richtung Ortsmitte. Nach etwa fünf Minuten begegnet mir auf dem Hauptplatz kein Geringerer als Karl Valentin. In voller Größe taucht der bekannte Humorist plötzlich vor mir auf.

 

 

Er steht auf einer Plattform inmitten eines Brunnens - als Spritzbrunnenaufdreher Brandstetter, der im Jahr zwei Mark verdient. In seiner rechten Hand hält er eine Trompete, aus der bei aufgedrehtem Spritzbrunnen vermutlich Wasser rinnt. Auf dem Kopf sitzt keck der unvermeidliche Goggs. Heute läuft kein Wasser, obwohl es bereits Ende Mai ist. Nirgends am Brunnen findet sich ein namentlicher Hinweis auf den Dargestellten. Offensichtlich sind die Planegger davon überzeugt, dass jeder ihren Karl Valentin kennt und erkennen muss. Erst 1983 wurde der Brunnen im neuen Mittelpunkt von Valentins Heimatgemeinde aufgestellt. Geschaffen wurde er von Manno Bott-Bodenhausen.

Nun setze ich meinen Rundgang fort. Eine neuere Apotheke trägt den Valentins. Allmählich mischen sich ältere Gebäude in das moderne Stadtbild.

Nach einem Fußmarsch von ca. 2km erreiche ich den Planegger Waldfriedhof, auf dem Karl Valentin begraben liegt. Der Friedhof ist größer, als ich gedacht hatte, ich erwische den falschen Eingang und irre zunächst hilflos umher. Schließlich erbarmt sich meiner eine ältere Dame und führt mich zu Valentins Grab. Mein Zusammentreffen mit der netten Dame erweist sich als Glücksfall, sie hat nämlich Karl Valentin noch persönlich gekannt.

"Also, für uns als Kinder war der Valentin schon a bisserl g'spinnert. Wissenm's mir ham in der selben Straß' g'wohnt, a paar Häuser weiter. Und manchmal, da hat uns der Valentin a Holz 'rüber 'bracht. Wissen's, so große Scheiteln. Immer wenn's g'heißen hat, 'heut kommt der Valentin', nacherd ham mir ganz ruhig sein müssen. Er hat nämlich keinen Lärm vertragen. Dann san mir Kinder mucksmäuserlstaad g'wesen. Wenn mir dann von draußen 'reinkommen sind, ham mir scho' vor unserer Haustür die Schuh ausziehen müssen und sind strumpfsockat und auf die Zehenspitzen, damit ja keinen Lärm machen, die Treppen 'raufg'schlichen in den zweiten Stock, wo mir g'wohnt ham. Mir ham des damals natürlich nicht verstanden, warum der Mo sei' Ruh' braucht.

Naja, damals is' ihm scho wieder besser gegangen, da hat er dann keine Krankenschwester mehr gehabt, aber eine Zeit lang, da war er ja so krank, daß ihn eine Schwester hat versorgen müssen".

Täusche ich mich, oder schwingt im letzten Satz Ironie mit? Karl Valentin hatte jedenfalls Zeit seines Lebens unter schwerem Asthma  zu leiden, war aber auch als starker Hypochonder bekannt.

"Er war ein netter,, zuvorkommender Mann. Aber für uns war er halt irgendwie g'spinnert", resümiert meine Begleiterin. Ich lasse mir von ihr noch beschreiben, wie ich Valentins Haus finde ("in der Georgenstraße, Ecke Germeringer Straße, gleich des Eckhaus"). Nun stehe ich alleine am Grabe Karl Valentins.

 

 

Es hat schon irgendetwas Eigenartiges an sich, am Grab eines Komikers zu stehen. Richtige Andacht will da nicht so ganz aufkommen. Ich denke daran, wievielen Menschen Karl Valentin in schwerer Zeit das Lachen gebracht hat - und wie allein er selbst dann in schwerer Zeit war.

Valentin zog nach Planegg, als ihm die Lust vergangen war, im Krieg, weiterhin als Komiker aufzutreten, während alles um ihn herum in Schutt und Asche zu fallen drohte. Sein letztes Auftrittslokal war die "Ritterspelunke" im Münchner Färbergraben, deren Leiter er selbst war. Einmal kam er vor Beginn der Vorstellung auf die Bühne, und erblickte zwei "unauffällige" Spitzel von der Gestapo im Publikum. Sofort sprach er die beiden an: "Gell, Ihr tät's mich gern erwischen! Aber dees, was Ihr hör'n wollts, dees sag i erst, wenn Ihr nimma da seids!" Den Kollegen hinter der Bühne blieb fast das Herz stehen.

Nach der Schließung der Ritterspelunke trat Karl Valentin bis Kriegsende nicht mehr auf. Er schrieb zahlreiche Szenen, Stücke und seine Jugenderinnerungen - aber alles nur für die Schublade.

Lange Zeit hat es geheißen, dass die Amerikaner ihn nach dem Krieg nicht haben wollten. Aber das stimmte nicht. Denn nicht die amerkanischen Besatzer, sondern seine eigenen Münchner Landsleute waren es, die mit seiner Art von Humor nichts anfangen konnten und wollten. "Schickt's den Deppen hoam", sollen sie tatsächlich gefordert haben, "mir woll'n an Weiß Ferdl hören!"

Als Valentin dann einsam und verbittert verstorben war, haben sie ihm dann einen großen Grabstein gesetzt. Dieser Stein ist aus weißem Marmor mit rötlichen Schlieren darin. Unter einem aus dem Stein gehauenen Bühnenvorhang ist Valentins bürgerlicher Name eingemeiselt: Valentin Ludwig Fey. Darunter sind sein Künstlername und die Lebensdaten eingefügt. Es folgen die Namen weiterer verstorbener Familienmitglieder. Auch Bertl Valentin-Böheim, seine jüngere Tochter und Verfasserin eines saftigen Valentin-Erinnerungsbuches ist mittlerweile verstorben. Den Abschluss nach unten hin bildet eine steinerne Maske. Auf älteren Fotografien wird der Grabstein oben noch durch einen antik-römisch wirkenden, dachförmigen Aufbau gekrönt - der ist offenbar inzwischen entfernt worden.

Nun mache ich mich auf den Weg zum Valentin-Haus. "I woass fei net, ob's noch steht!" hatte die alte Dame gesagt. Es steht noch.

 

 

Es ist ein nettes, keines Landhäuschen mit einem großen Krüppelwalmdach. Karl Valentin hatte es bereits in den 1920er Jahren gekauft, aber erst im Herbst 1943 bezogen, als er in der Stadt aufgrund des fortgeschrittenen Krieges kaum mehr Engagements bekam.

An der Seite zur Germeringer Straße ist 1969 eine Gedenktafel angebracht worden. Leider versperren hohe Büsche weitgehend den Blick auf die Bronzetafel. Man sieht nur ein Porträt-Relief von Karl Valentin, die Inschrift darunter kann man aber nicht lesen. Wer sie dennoch lesen will, der muss ins Münchner Valentin-Musäum gehen, dort befindet sich ein Abguss.

Blickt man in den Garten, so fällt einem auf, dass der Rasen heute kurz geschnitten und sehr gepflegt ist. Valentin dagegen hatte für Rasenpflege nicht viel übrig, er ließ das Gras einfach wachsen. "Im Urwald mäht ja auch keiner!" soll er stets zu zu seiner Rechtfertigung vorgebracht haben, wenn seine Frau mal wieder Gartenarbeit anmahnte.

Die vielen Blumenkästen, die Valentin vor den Fenstern angebracht hatte, sind ebenso verschwunden wie sein kleiner Gartenteich. Valentins Spleen war es, mehrmals im Jahr das Wasser dieses Tümpels gegen frisches Leitungswasser auszutauschen. Die Frösche durften dann erst wieder in ihr angestammtes Weiherchen zurückkehren, wenn sie vom Hausherrn persönlich blitzblank geschrubbt worden waren, damit sein geliebter Teich möglichst lange sauber bleiben möge. Heute steht ein Schwimmbecken im Garten und vor dem Haus eine Geländemaschine.

Links neben dem Haus scheint ein alter Schuppen zu stehen, bei dem es sich um Valentins ehemalige Werkstatt handeln könnte. In seiner Glanzzeit fertigte der gelernte Schreiner dort seine Bühnenrequisiten selbst. In den traurigen letzten Jahren schnitzte er dort Nudelhölzer und Kochlöffel, um diese beim Bäcker und beim Metzger gegen Essbares einzutauschen. Doch die betreffenden Geschäftsleute hielten Valentins Ansinnen für einen typischen Valentin-Witz und schlugen sich lachend auf die Schenkel, anstatt auf seine Bitten einzugehen.

Valentin starb ziemlich verarmt und verbittert am 9.02.1948. Seine Witwe war aus schierer Not gezwungen, seinen künstlerischen Nachlass zu verkaufen, doch die Stadt München zierte sich. Valentins Tochter Bertl Valetnin-Böheim schrieb in einem Brief an einen Fan ihres Vaters: "Was den Nachlass betrifft, so dürfte es Sie, als Verehrer vielleicht interessieren, dass er von berufener Seite anscheinend nicht genügend gewürdigt wird, d.h. zu deutsch: Man möchte in gerne haben, aber kosten sollte er nichts. Leider sind wir nicht in der Lage, diesem Wunsche nachzukommen, so dass wir uns wahrscheinlich doch gezwungen sehen, ihn außerhalb Bayerns abgeben zu müssen." Der Nachlass ging schließlich für viel Geld an einen Kölner Theaterwissenschaflter und befindet sich heute im Kölner Theatermuseum. Einige wenige Erinnerungsstücke befinden sich noch heute im Planegger Valentin-Haus, sind aber nicht öffentlich zugänglich.

Ich mache noch ein paar Fotos und fahre dann zurück nach München. Den Besuch des Valentin-Musäums spare ich mir. Zwar werden dort auch Original-Erinnerungsstücke gezeigt, wie der Schminkkasten des Meisters, die Maske, die er in seinem Einakter "Der Firmling" getragen hat, oder seine heißgeliebte rote Perücke. In der Hauptsache aber werden vordergründig lustig sein wollende Rekonstruktionen aus Valentins Panoptikum vorgeführt. Kritiker, die noch den echten Grusel- und Kuriositätenkeller Valentins gesehen haben, vermissen jedoch den hintergründigen Tiefgang des Originals. Ohne Zweifel wird Deutschlands größter Kabarettist im Valentin-Musäum einmal mehr als weißblauer Gaudibursche verkauft - ausgerechnet der Mann, den Bert Brecht einst als deutschen Chaplin gesehen hat.

So beende ich meinen Ausflug auf den Spuren Karl Valentins lieber auf dem Viktualienmarkt beim berühmten Valentin-Brunnen. Es heisst, die Marktfrauen schmücken ihn noch immer mit frischen Blumen. Aber heute haben sie es nicht gut mit ihm gemeint. Der Valentin hält ein einzelnes vertrocknetes Blümchen in der Hand und schaut resignierend in die Ferne, als ob er sagen wollte: "Geh, l...lasst's ma doch mei ruah!" Wie recht er doch damit hat.

 

Valentin-Brunnen auf dem Münchner Viktualienmarkt

 

Anmerkung: Das Valentin-Musäum heißt heute Valentin-Karlstadt-Musäum und die Daueraustellung ist inzwischen erfreulicherweise modernisiert und damit stark verbessert worden. Mit dem Geist von Karl Valtentins eigenem Panoptikum hat es noch immer nichts gemeinsam, ist aber heute alles in allem sehr sehr sehenswert.

 

Die Fotos, das Autogramm und der zitierte Brief stammen aus meinem Privat-Archiv

 

Wer noch mehr über Karl Valentin erfahren möchte,
dem sei www.karl-valentin.de empfohlen,
die einzige, von der Familie Valentin autorisierte Homepage.

(Beachten Sie dazu bitte den Haftungsausschluss im Impressum!)

 


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