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Joseph und Emilie Grosjean

Stickarbeiten für König Ludwig II.

 
Brieftasche aus dem Hause Joseph und Emilie Grosjean
für König Ludwig II. - zur Aufbewahrung der Briefe von Richard Wagner
Silberstickerei - um 1865

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Im König Ludwig II.-Museum auf Herrenchiemsee befindet sich eine kunstvoll bestickte Brieftasche des "Märchenkönigs", in der er die Briefe des von ihm glühend verehrten Komponisten Richard Wagners aufbewahrt hat. Sie stammt aus dem Atelier von Joseph und Emilie Grosjean, die meine Urururgroßeltern waren. Im Museumskatalog wird als Vorname Joseph Grosjeans fälschlicherweise "Jean" angegeben. Recherchen im Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher haben jedoch zweifelsfrei ergeben, dass die Brieftasche von der Münchner Firma "Joseph Grosjean" geliefert worden ist.

Die Geschichte dieser Firma, ihrer Gründer und ihres wachsenden Erfolges ist bis heute weitgehend unbekannt geblieben und wird hier das erste mal öffentlich erzählt.

 

Wappen der Familie Grosjean

 

Joseph Grosjean wurde am 8.12.1801 als Sohn eines belgischstämmigen Kaufmanns und Landwirts in Würzburg geboren. Nach einer eher unerfreulichen Kindheit und Jugend ging Joseph Grosjean nach München und studierte ab 1828 an der Akademie der Bildenden Künste Historienmalerei.

Im November 1833 heiratete er in der Münchner Frauenkirche die Berlinerin Emilie Jarry. Spätestens ab 1835 wohnte das Ehepaar in der Perusagasse in der Nähe des Odeonsplatzes. Nach der Hochzeit wandte sich Joseph Grojean zunächst einmal von der Kunst ab und betrieb von 1834 bis 1854 eine Bettfedernreinigung.

Seine Frau war eine begeistertete Stickerin. Von ihrem Hochzeitsgeschenk für Joseph, einer kunstvoll bestickten Brieftasche, soll ein Freund der Familie so begeistert gewesen sein, dass er ihr empfahl, ihr Steckenpferd zum Beruf zu machen. Tatsächlich gründeten die Grosjeans daraufhin im Mai 1835 in ihrem Wohnhaus ein Atelier für Stickarbeiten. In der Eröffnungsanzeige im "Münchner Tagblatt" heißt es dazu u.a.:

"Es ist für die kunst- und modebegabte Damenwelt zu München ein neuer Stern aufgegangen."

 

Mit einer Anzeige in der "Münchner Tagpost" im Mai 1839 suchte Emilie Grosjean Mitarbeiterinnen

 

Joseph Grosjean, der parallel dazu noch immer seine Bettfedernreinigung betrieb, war für den kaufmännischen Bereich zuständig und erstellte die Entwurfszeichnungen. Seine Frau und deren beiden Schwestern fertigten die Stickereiarbeiten. Die Firma scheint rasch zu einem hervorragenden Ruf gekommen zu sein. Zum Sortiment gehörten u.a. Handtaschen, Geldbeutel und Tischläufer, aber auch Posamenten und Vereinsfahnen. Im Laufe der Zeit scheint die Anzahl der Mitarbeiterinnen dann stark angewachsen zu sein.

Eine erfolgreich als Unternehmerin tätige Frau war damals noch etwas sehr ungewöhnliches. Emilie Grosjean verdiente gut und konnte sich deshalb eine Betreuerin für ihre Kinder leisten, sie selbst war ja den ganzen Tag in der Firma tätig. Heute ist es inzwischen längst selbstverständlich, wenn werktätige Frauen dies tun. Damals war das jedoch im Grunde noch völlig undenkbar.

Im Juni 1843 erwarb Joseph Grosjean eine Konzession für den Verkauf von Stickwaren und Handarbeitsartikeln aller Art und wurde damit offizieller Geschäftsführer des Ateliers, das vorher auf den Namen seiner Frau eingetragen war.

 

Mit dieser Zeitungsanzeige vom Juni 1843 stellte sich J. Grosjean als neuer Chef der Firma vor

 

Zum Kundenkreis der Firma gehörte auch König Ludwig II.. Zur Aufbewahrung der Briefe von Richard Wagner ließ er sich dort eine Brieftasche mit aufwändig aus Silberfäden gesticktem Schwan anfertigen. Mehrmals bestellte der König solche Taschen auch zu Geschenkzwecken. So sollen u.a. der Königliche Leibarzt Max Joseph Schleiss von Loewenfeld und der Königliche Stallmeister Richard Hornig solche Taschen als Präsent erhalten haben.

 

König Ludwig II. als Großmeister des St.-Georgsritterodens - um 1865

 

Aus den Cassa-Journalen im Geheimen Hausarchiv geht hervor, dass die Fa. Grosjean nicht nur Brieftaschen an den König geliefert hat, sondern einmal auch ein Tigerfell aus Kalkutta. Die Hintergründe dazu sind nicht bekannt.

Der gute Ruf der Firma blieb auch dem bekannten Bayerischen Dichter Ludwig Thoma (Ein Münchner im Himmel) nicht verborgen, denn er setzte Emilie Grosjean in seiner Erzählung "Lola Montez" völlig unverblümt mit Nennung des Realnamens und der Firmenadresse ein kleines literarisches Denkmal.

Das Unternehmen befand sich die meiste Zeit seines Bestehens in der Perusagasse 2, spätestens um 1873 zog man dann ins Basar-Gebäude am Odeonsplatz direkt neben dem Hofgarten um, in dem sich nur exclusivste Läden befanden.

 

München - Basargebäude am Odeonsplatz heute

 

Am 1.01.1880 verstarb Emilie Grosjean nach mehrjährigem Leiden im Alter von 73 Jahren.

Joseph Grosjean, der in den 1840er Jahren zusammen mit Leo Schöninger zusätzlich einen Kunstverlag betrieben hat, starb am 30.01.1882, achzigjährig ebenfalls nach langer Krankkeit.

Die Stickerei wurde nach dem Tod Joseph Grosjeans noch zwei Jahre von dessen Sohn Melchior und einer leitenden Mitarbeiterin weitergeführt. Im Jahr 1884, ca. 50 Jahre nach ihrer Gründung, ist die Firma dann erloschen.

 Nach Melchior Grosjean, der der Stadt München eine größere Stiftung hinterlassen hat, ist die Grosjean-Straße in München Oberföhring benannt.

 

Eine weitere Brieftasche für Ludwig II. aus dem Hause Joseph und Emilie Grosjean

Silberstickerei - um 1865

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Rudolf L. Brugger (1905-1987) gewidmet,
dem Chronisten der Familie Grosjean,
der den Großteil der auf dieser Seite präsentierten Rechercheergebnisse nicht mehr miterleben konnte.

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Quellen:

Bayerisches Hauptstaatsarchiv München Abteilung III Geheimes Hausarchiv

Archiv der Akademie der Bildenden Künste, München

Rudolf L. Brugger: Die Grosjeans und ihre Nachkommen, unveröffentlichtes Typoskript, Bamberg 1982

Reinbeck  Rodbertus: Allgemeine Deutsche Biographie, 28. Band, Leipzig 1889, S.567

Thoma, Ludwig: Gesammelte Werke - Vierter Band, München 1956, S.305-374

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Die Veröffentlichung der beiden Brieftaschen-Fotos geschieht mit ausdrücklicher Genehmigung der Bayerischen Schlösser-, Gärten- und Seenverwaltung.

Vielen Dank an den zuständigen Referenten, Herrn Dr. Uwe Schatz.


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