Internet-Forenwelt (2)

Das bizarre Sterben


 

 


der Persephone

 

Die folgende Geschichte klingt außerordentlich bizarr, ist aber genau so wirklich passiert. Namen und Ortsangaben wurden jedoch aus naheliegenden Gründen verändert.

 

Alles beginnt vollkommen normal in einem vollkommen normalen Internetforum.

Zwischen Blendern, Pöblern und Menschen wie Du und ich, taucht plötzlich ein neues Mitglied auf.

Aber das ist ja absolut nichts Ungewöhnliches.

 

Dieses Mitglied, eine Frau, hat sich den Nick-Namen Persephone zugelegt, sie findet in der üblichen Zeitspanne Anschluss und schließt erste virtuelle Freundschaften. Man kommt sich näher, und es entsteht auch ein eigener Stammthread (eine Art virtueller Stammtisch),

wo sich die Freunde treffen und miteinander klönen. Persephone scheint etwas besonderes zu sein, für ihre neuen Freunde hat sie Charisma.

 

Eines Tages erzählt Persephone, dass sie sehr krank ist. Sie hat Krebs, und es steht nicht

besonders gut um sie. Klar, dass ihre Freunde betroffen sind, denn so eine Nachricht trifft einen immer.

Längst hat man Mail-Adressen und Telefonnummern ausgetauscht, all das wird jetzt eifrig genutzt, um der kranken Freundin beizustehen und ihr Mut zu zusprechen.

 

Es ist geradezu bewundernswert, wie Persephone, von ihrem Anhang inzwischen liebevoll "Persi" genannt, mit ihrer Krankheit umgeht.

Zum Dank für den Zuspruch, den sie erhält, schreibt sie jedem ihrer Freunde zutiefst zu Herzen gehende Gedichte. Und sie fängt an, ihr Leben, oder sagen wir besser ihr Leiden, öffentlich im Forum auszubreiten - warum auch nicht, vielleicht tut man so etwas in einer solchen Situation, wer kann das schon beurteilen...

 

Der Nimbus der tapferen Sterbenden macht sie unangreifbar und taucht alle Geschehnisse um sie herum in ein warmes, weiches, alles überstrahlendes Licht.

 

Nach und nach erzählt sie ihr gesamtes Martyrium. Schon als kleines Kind wurde sie von ihrem Vater sexuell missbraucht. Auf ihrem nackten Rücken pflegte er seine Zigaretten auszudrücken, und einmal warf er sie im Suff durch eine Glasscheibe. Die Bedauernswerte hat aber in ihrem Leben noch um einiges mehr durchmachen müssen, und so kennt das Mitgefühl von Persis Mitchattern keine Grenzen mehr.

 

Diese Geschichten werden nicht nur in jenem Internetforum erzählt, sondern auch per Rundmails unters Volk gebracht. Persi veröffentlicht diese "Bestandsaufnahmen", wie sie selbst ihre Erzählungen betitelt, in einer solchen Menge, dass niemanden auffällt, dass es darin durchaus auch Widersprüche gibt. Viele lesen diese Geschichten ohnehin nicht mehr bis zu Ende durch, weil diese immer so schrecklich zu Herzen gehen.

Außerdem hat die sterbende Persi inzwischen fast den Nimbus einer Heiligen erreicht, kaum jemand wagt es deshalb, ihre Erzählungen ernsthaft in Frage zu stellen.

Natürlich gibt es auch Kritiker und Nörgler, aber die werden als unsensibel gebrandmarkt und aus der Diskussion weggebissen. Sich über eine Sterbende zu erheben, ist nun mal geschmacklos.

 

Selbstverständlich erzählt Persi auch von ihrer Familie. Da gibt es einen lieben kleinen Sohn, dem schon bald das schreckliche Schicksal eines Halbwaisen blühen wird. Und natürlich gibt es auch einen treusorgenden, tapferen Mann. Der hat all das ersparte Geld in eine geniale Erfindung gesteckt. Und zwar buchstäblich alles, so dass keinerlei Geld mehr für die Patentgebühren übrig ist, und erst recht keines, um die Erfindung gewinnbringend vermarkten zu können.

Persephone selbst hat ein Pferd, das ihr ein und alles ist. Wegen des chronischen Geldmangels wird sie es bald verkaufen müssen - und allein der Gedanke daran bricht ihr das Herz...

 

Irgendwann fahren dann nach und nach die besten Freunde aus dem Forum in den hintersten Bayerischen Wald, um dort ihre kranke Freundin zu besuchen. Darunter ist auch eine Ärztin, die selbst an Krebs erkrankt ist, und die in Persi wohl eine Schwester im Geist sieht. Die Besucher finden alle eine Frau vor, die ganz eindeutig das beste aus ihrem Leben macht, auch optisch. Persi sieht naturgemäß nicht gerade wie das blühende Leben aus, aber sie versteht es, mit viel Geschicklichkeit, Puder und Schminke das beste aus ihrem Zustand zu machen.

 

Zu diesem Zeitpunkt hat deshalb niemand auch nur den geringste Anlass, an diese Geschichte zu zweifeln.

Als Persis Bank schließlich ein allerletztes Ultimatum stellt, bevor das heißgeliebte Pferd der Krebskranken dann endgültig gepfändet werden soll, beschließen ihre Freunde zu handeln.

Im Internetforum wird jetzt eine großangelegte Spendenaktion gestartet, und die soll zur ganz großen Überraschung für die dermaßen gebeutelte Freundin werden - vielleicht die allerletzte Freude für die Sterbenskranke, deren Zustand sich inzwischen immer weiter verschlechtert.

Offenbar, ohne es selbst zu wissen setzt Persi durch diese Spendenaktion im Forum Energien frei, die dort niemand vermutet hätte.

 

Ein Großteil der Forumsmitglieder spendet geradezu weltmeisterlich, und die ebenfalls krebskranke Freundin, der ihre Leidensgefährtin sehr ans Herz gewachsen ist, gewährt ihr ein Darlehen in fünfstelliger Höhe, es sind wohl ihre gesamten Ersparnisse. Besonders warmherzige Spender richten sogar Daueraufträge ein.

 

Eine im Forum berüchtigte Chatterin, die schöne Gwendolyn, die nie müde wird zu betonen, wie klasse sie sich selbst findet, und wie scheiße für sie alle anderen Chatter sind, nützt die Gunst der Stunde, um ihr Image aufzupolieren. In rührendster Weise malt sie aus, wie sie sogar ihre ach so edel denkenden Kinder dazu veranlassen konnte, freiwillig ihr letztes Taschengeld zu spenden.

 

Und so landet dann schlussendlich eine gigantische Summe auf Persephones Konto, wodurch die Sterbende Gottlob ein Problem weniger an der Backe zu haben scheint.

 

 

 

Doch plötzlich bemerken auch Freunde gewisse Widersprüchlichkeiten. Z.B. dass Persi mit Metastasen im Rücken noch immer eine flotte Reiterin zu sein scheint, oder dass sie, deren Sehkraft durch einen Hirntumor bereits stark gelitten hat, plötzlich von rasanten Nachtfahrten auf der Autobahn erzählt, bei denen sie selbst am Steuer gesessen haben will.

 

Eine der Freundinnen sieht Persi bei ihrem Besuch im Bayerischen Wald sogar in Slip und BH . Irgendwas irritiert die Freundin an diesem Anblick, aber sie weiss nicht, was.

Erst als schließlich allgemeine Zweifel an Persis Geschichten aufkommen, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen:

Der angeblich seit Jugendzeiten von Narben übersähte Körper Persephones ist in Wahrheit völlig makellos.

 

Man forscht weiter nach, und stellt fest, dass ihre schreckliche Lebensgeschichte einfach einem Roman entnommen war, und die anrührenden Gedichte an ihre Freunde von einschlägigen Internetseiten stammten.

 

Der Rest ist schnell erzählt. Ein Großteil der spendefreudigen Forumsmitglieder erstattete Anzeige wegen Betrugs, was vermutlich keinen großen Erfolg gebracht haben dürfte, denn Persi selbst hatte ja nie zu einer Spendenaktion aufgerufen.

 

Die schöne Gwendolyn schritt nach Auflösung der Geschichte mit stolzgeschwellter Brust durchs Forum und verkündete jedem, der es eigentlich gar nicht lesen wollte, sie habe es schon immer gewusst, dass das alles Betrug ist. Schließlich habe sie in ihrer Familie schon ähnliches erlebt. Dummerweise stand zu diesem Zeitpunkt aber auf ihrer eigenen Homepage noch immer nachzulesen, wie toll sie Persi fand...

 

Die wirklich und wahrhaftig krebskranke Freundin hat verzweifelt versucht, ihr Geld wiederzubekommen. Allerdings kam es auch hier zu keiner Gerichtverhandlung, denn die Freundin starb lange vor einer möglichen Eröffnung des Verfahrens. Sie starb wohl nicht zuletzt vor Gram, weil sie selbst sich dafür mitverantwortlich fühlte, dass so viele Forumsmitglieder soviel Geld für eine so miese Sache gespendet hatten. Sie konnte nichts dafür, aber sie hat sich in ihren letzten Wochen selbst sehr schwere Vorwürfe gemacht.

 

Und Persephone? Die ist vermutlich längst wieder in einem anderen Forum mit ihrer äußerst gewinnbringenden Masche unterwegs.

 

 

 

Die beiden Schnapschüsse aus der Internetforenwelt stammen aus meinem Privatarchiv.

 

 


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