Ja, wo laufen sie denn?

 

Der Komiker

Wilhelm Bendow

(1884-1950)

 

Fast jeder kennt den legendären Rennbahnsketch mit dem Ausspruch "Ja, wo lauuufen sie denn? Wo laufen sie den hin?"

  Wer ihn kennt, schreibt ihn meist dem Cartoonisten Loriot zu, der diesen Sketch in den 1970er Jahren durch seine unnachahmlichen Knollennasenmännchen wieder bekannt gemacht hat. Nur die wenigsten wissen, dass dieser Sketch eigentlich von dem Komiker Wilhelm Bendow stammt, dessen Stimme übrigens auch in dem Loriotfilm zu hören ist.

Wilhelm Bendow wurde am 29.09.1884 als Emil Boden im niedersächsischen Einbeck geboren. Einbeck gilt als die Heimatstadt des Bockbiers, und auch Bendow stammte aus einer Brauerfamilie.

Eigentlich sollte er Kaufmann werden, entschied sich aber schon 1907 für den Beruf des Schauspielers, ging dazu nach Berlin und gehörte schon bald zum Ensemble des renommierten Max Reinhardt. Nach einem Zwischenspiel in Hamburg trat er ab 1922 wieder in Berlin auf.

Dort wandte er sich schließlich dem Kabarett zu und trat unter anderem bei Trude Hesterbergs "Wilder Bühne" als "Tätowierte Dame" auf. Hier kreierte er wohl seinen nöhlenden, tuntenhaften Stil, der ihn schon bald auf Berlins Bühnen und auf Schallplatten legendär machte.

Mit den Kabaretts "Tü-Tü" und "Bendows Bunte Bühne" betrieb er sogar zeitweise eigene Auftrittsstätten. Neben Berliner Kleinkunstgrößen wie Paul Graetz, Claire Waldoff, Max Hansen und Werner Finck trat Bendow auf fast allen Bühnen der Hauptstadt auf.

Auch der Film griff auf auf Bendow zurück, wenn auch zumeist nur für kleinere Rollen, wie z.B. 1943 als Mann im Mond in dem Hans-Albers-Film "Münchhausen".

 

Label einer Schellackplatte von 1926 (links: Paul Morgan / rechts: Wilhelm Bendow)

 

Ab Mitte der 1920er Jahre war Bendow dann auch im Rundfunk und auf Schallplatten zu hören, oft mit Partnern, die später unter den Folgen des Hitlerregimes zu leiden hatten. Bendow selbst blieb, trotz seiner relativ offen gelebten Homosexualität lange unbehelligt von der "Kulturpolitik" des "Dritten Reiches". Gegen Kriegsende (1944) wurde er dann jedoch doch noch in ein Arbeitlager eingewiesen.

Der Anlass dafür war ein Sketch den er auf der Bühne der Berliner "Scala" aufgeführt hatte. Darin spielte er einen Schiffbrüchigen. Irgendwann im Verlauf des Sketches hatte sein Partner zu sagen: "Schau, dort ist eine Insel! Hurra, wir sind gerettet!" Worauf Bendow in seinem typischen Tonfall staubtrocken improvisierte: "Ja gibt es denn für uns überhaupt noch eine Rettung?"

Nach seinen eigenen Erzählungen soll Bendow in diesem Lager als Aufseher eingesetzt gewesen sein: "Ich hatte eine Peitsche in der Hand und habe immer gesagt: Nun arbeitet doch, nun arbeitet doch, sonst muss ich euch schlagen!" Auch diesen Satz hat man sich natürlich im typischen Bendow-Sound vorzustellen.

Offenbar wurde Bendow schon bald wieder aus dem Lager entlassen, denn gegen Kriegsende, im April 1945 hielt er sich zu Dreharbeiten in Prag auf. Wer damals zu Filmaufnahmen in die "Goldene Stadt" engagiert wurde, der wusste, dass er dem drohenden Einsatz als Frontsoldat noch einmal entkommen war. Während im sonstigen Reich Lebensmittel und Kleidung nur noch auf Bezugsscheine erhältlich waren, herrschte unter den Filmschaffenden noch immer unvorstellbarer Luxus.

Am 17. April, als sich das endgültige Kriegsende (und damit auch das Ende des Hitler-Regimes) bereits abzeichnete, verließ Bendow zusammen mit 9 Kollegen, darunter der Schauspieler Willi Rose und der Kameramann Willy Winterstein (Nacht fiel über Gotenhafen, Kohlhiesels Töchter), Prag in Richtung Bayerischer Wald, wo sie zusammen Anfang Mai in der Glasfabrik in Theresienthal das Kriegsende erlebten.

 

Und so erlebten wir zusammen
den "Krieg vom Fenster".
Dies wollen wir nie vergessen,
lieber Willi.
7.5.45 Dein alter Wilhelm Bendow

 

Nach dem Krieg trat Bendow noch vereinzelt als Kleindarsteller in mehreren Filmen auf. 1946 entstand, vermutlich im Rahmen eines Bunten Abends die legendäre Aufnahme des Sketches "Auf der Rennbahn". Bendows Partner war damals Franz Otto Krüger.

Seine Hoffnungen auf ein größeres Comeback wurden allerdings durch einen Unfall jäh zerstört. An den Folgen dieses Unfalls starb Wilhelm Bendow am 29.05.1950 in seiner Heimtstadt Einbeck. Er wurde auf dem dortigen Alten Friedhof bestattet, wo sich noch heute sein Grab befindet.

Das Einbecker Stadttheater trägt übrigens heute zur Erinnerung an den großen Sohn der Stadt den Namen "Wilhelm Bendow-Theater".

 

 

Quellen:

Budzinski, Klaus / Hippen Reinhard: Metzler Kabarett Lexikon, Stuttgart / Weimar 1996

Krüger, Franz-Otto: Wilhelm Bendow - Ein Komiker lässt grüßen - Covertext zur gleichnamigen LP, ca. 1980

Leimbach, Bertold: Tondokumente der Kleinkunst und ihre Interpreten 1898-1945, Göttingen 1991

Handschriftliche Aufzeichnungen der Gruppe um Willy Rose, 1945 (in meinem Privatarchiv)

www.defa-sternstunden.de  

www.knerger.de

(Zu den angegebenen Links beachten Sie bitte den Haftungsauschluss im Impressum!)

 

Die beiden Fotos und die gezeigte Schellackplatte stammen aus meinem Privatarchiv

 


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